Fabian & Veronika Westerheide, Rise of AI © Thomas Tiefseetaucher

26 März 2026

„Berlin bietet Raum für Ideen, neue Firmen, internationale Talente und Menschen, die etwas ausprobieren wollen.“

Seit zehn Jahren ist die Rise of AI Conference ein fester Bestandteil des europäischen KI-Kalenders – und ein Spiegel dafür, wie sich das Feld verändert hat. Was 2016 als neugiergetriebenes Meetup in Berlin begann, ist heute eine der relevantesten Plattformen für den Austausch zwischen Forschung, Wirtschaft und Politik rund um Künstliche Intelligenz in Europa.

Hinter der Konferenz stehen Fabian und Veronika Westerheide – er mit dem inhaltlichen Blick auf KI, Technologie und Gesellschaft, sie mit dem Gespür für Community, Atmosphäre und das perfekte Erlebnis. Im Gespräch mit #ai_berlin blicken beide auf zehn Jahre Rise of AI zurück, reflektieren Berlins Entwicklung als KI-Standort und schauen voraus auf die Jubiläumsausgabe am 5. und 6. Mai 2026.

Fabian, im Februar 2016 fand die erste Rise of AI Conference in Berlin statt. Wie ist die Idee damals entstanden – und was war eure Vision für die Konferenz?

Fabian Westerheide: Am Anfang stand vor allem Neugier. Ich wollte selbst besser verstehen, was auf uns zukommt, habe Expertinnen und Experten eingeladen, ihnen zugehört und weitere Gäste dazugeholt. Die ersten drei Meetups liefen so gut, dass daraus fast organisch ein Konferenzformat entstanden ist. Das war anfangs gar nicht der Plan.

Inhaltlich kamen wir eher aus dem posthumanistischen Denken und der Frage, was Technologie langfristig mit uns als Menschen macht. Dann wurde immer klarer: Wir müssen den Leuten erklären, dass KI nicht irgendwann kommt, sondern gerade beginnt, Wirtschaft und Gesellschaft zu verändern.

Dass daraus Rise of AI werden konnte, hatte auch mit unserer Konstellation zu tun: Veronika bringt die Eventseite mit, ich die Inhalte. Das hat von Anfang an sehr gut zusammengepasst. Unsere Vision war dann schnell klar: einen Ort zu schaffen, an dem kluge Menschen aus Forschung, Wirtschaft, Politik und Startup-Welt frühzeitig zusammenkommen, um Europas Rolle in der KI mitzugestalten.

2018 haben wir mit dir über Berlin als KI-Standort gesprochen. Damals hast du gesagt, Berlin habe die Forschung, die Unternehmer, die Kapitalgeber und die Talente – es müsse nur schneller reagieren. Acht Jahre später: Was hat Berlin seitdem richtig gemacht, und welche besonderen Stärken zeichnen die Hauptstadt heute als KI-Standort aus?

Fabian Westerheide: Berlin ist vor allem deshalb stark, weil die Stadt Raum bietet. Raum für Ideen, für neue Firmen, für internationale Talente und für Menschen, die etwas ausprobieren wollen. Die Forschung ist hier nicht in jeder Disziplin absolute Weltspitze, aber Berlin hat andere Stärken, die im KI-Zeitalter enorm wichtig sind.

Die Hauptstadt profitiert von einem gewachsenen Ökosystem: internationale Talente, VC-Kapital, ein etablierter Startup-Hub und eine Kultur, in der Gründung und Skalierung mitgedacht werden. Berlin baut dabei auch auf den Erfolgen früherer Generationen auf – von Team Europe über Rocket Internet bis hin zu Börsengängen wie Zalando und Delivery Hero. Das hat Strukturen, Kapital und Selbstvertrauen geschaffen.

Heute ist Berlin deshalb einer der relevantesten KI-Standorte Europas – nicht weil hier alles perfekt ist, sondern weil hier viele der richtigen Zutaten zusammenkommen.

Veronika, du organisierst Rise of AI seit Jahren und hast den Aufbau der Community hautnah mitgestaltet. Was macht eine erfolgreiche KI-Konferenz aus – und wie hat sich die Veranstaltung und ihre Teilnehmer:innen über die Jahre entwickelt?

Veronika Westerheide: Eine erfolgreiche KI-Konferenz entsteht für mich aus Liebe zum Detail und echter Gastfreundschaft. Der Gast muss spüren, dass er im Mittelpunkt steht. Dahinter steckt ein Orchester aus weit über 200 Beteiligten, die in wenigen Tagen aufbauen, umsetzen und wieder abbauen. Das sieht man als Besucher meist nicht – aber genau dort entscheidet sich die Qualität.

Wir probieren jedes Essen vorher. Namensschilder werden persönlich geschrieben. Dienstleister werden eng geführt. Ich führe das streng und herzlich zugleich, weil ich möchte, dass aus einer Konferenz ein besonderer Ort wird. Ein Ort, an dem man sich willkommen fühlt und gerne wiederkommt. Genau dieser Familiengeist und die Liebe zu Atmosphäre, Begegnung und Präzision prägen Rise of AI seit Jahren.

Die Veranstaltung selbst ist über die Jahre reifer und fokussierter geworden. Früher ging es stärker darum, KI überhaupt zu erklären. Heute kommen mehr Entscheiderinnen und Entscheider, mehr Gründer, Investorinnen, politische Akteure und Menschen, die KI konkret anwenden oder mitgestalten wollen. Der Anspruch ist gewachsen – und damit auch die Verantwortung.

Fabian, 2018 hast du im Interview betont, wie wichtig es ist, dass Europa eine starke eigene KI-Industrie aufbaut – damit die Systeme, die unser Leben beeinflussen, auch europäische Werte widerspiegeln. Zehn Jahre später, mit dem AI Act und wachsenden europäischen KI-Unternehmen: Siehst du Europa auf dem richtigen Weg?

Fabian Westerheide: Teilweise. Europa hat gute Forscher, starke Gründer, ein belastbares Ökosystem, Kapitalgeber und eine Industrie, die unter Wettbewerbsdruck steht und deshalb handeln will. Das sind echte Stärken.

Gleichzeitig bin ich kritischer geworden. Wir verschlafen in Europa Teile dieses Megatrends, weil wir zu zögerlich sind. In vielen Regierungen ist KI immer noch nur eine To-do unter vielen. Es fehlt oft an Fokus, Geschwindigkeit und gemeinsamer strategischer Richtung. Das ist leider auch ein Symptom Europas: viel Abstimmung, wenig großer Sprung nach vorn.

Deshalb würde ich sagen: Das Ökosystem funktioniert, die Unternehmen und Talente liefern. Aber politisch und strukturell bleiben wir unter unseren Möglichkeiten. Europa ist also nicht falsch unterwegs, aber viel zu langsam.

Du beschäftigst dich intensiv mit dem Thema Longevity und der Frage, wie KI uns helfen kann, gesünder und länger zu leben. Welche Entwicklungen in diesem Bereich erwartest du in den kommenden Jahren – und welche Chancen siehst du hier für Berlin als Life-Science- und HealthTech-Standort?

Fabian Westerheide: Ich erwarte, dass KI Gesundheit in den nächsten Jahren deutlich präziser, präventiver und persönlicher macht. Wir werden biologische Daten, Verhaltensdaten und medizinische Erkenntnisse besser zusammenbringen und daraus individuellere Empfehlungen, frühere Diagnosen und wirksamere Therapien ableiten können.

Besonders spannend finde ich alles, was zwischen klassischer Medizin, Prävention und digitalem Alltag entsteht: personalisierte Gesundheitsbegleitung, bessere Diagnostik, schnellere Forschung, neue Drug-Discovery-Prozesse und konkrete Hilfe dabei, länger gesund zu bleiben.

Für Berlin ist das eine große Chance. Die Stadt hat Charité, Forschung, Startups, internationale Talente und eine starke Schnittstelle zwischen Tech, Wissenschaft und Unternehmertum. Wenn Berlin diese Kräfte besser bündelt, kann die Stadt auch im Bereich KI und Gesundheit eine viel stärkere europäische Rolle spielen.

Die Rise of AI Conference 2026 trägt den Titel „10 Years of Building Europe's AI Ecosystem". Was erwartet die Gäste am 5. und 6. Mai in Berlin – und was ist euch beiden bei dieser Jubiläumsausgabe besonders wichtig?

Fabian Westerheide: Die Jubiläumsausgabe ist für uns ein Moment des Innehaltens – aber vor allem ein Signal nach vorn. Am 5. Mai starten wir mit einem besonderen Speaker Dinner, am 6. Mai folgt die Konferenz mit starken Stimmen aus Wirtschaft, Politik, Forschung und dem europäischen KI-Ökosystem. Inhaltlich geht es um Europas technologische Souveränität, Wettbewerbsfähigkeit und die Frage, wie wir unsere eigene KI-Zukunft bauen.

Veronika Westerheide: Mir sind bei dieser Ausgabe besonders die Details wichtig. Wir wollen das Jubiläum nicht nur auf der Bühne erzählen, sondern im ganzen Erlebnis spürbar machen: mit einer Festschrift, besonderen Törtchen, eigens gestalteten Logos, Fotowänden und einem sehr bewusst kuratierten Dinner-Programm. Auch solche Elemente gehören für mich zu einer Konferenz, die in Erinnerung bleibt.

Und wir wollen uns auch einmal selbst feiern – nicht nur als Veranstaltung, sondern als Ökosystem in Deutschland. Zehn Jahre Rise of AI sind auch zehn Jahre Community, Vertrauen und gemeinsamer Aufbau.

Zum Abschluss der Blick nach vorn: Wenn wir in zehn Jahren, also 2036, erneut zusammensitzen – woran werden wir dann erkennen, ob Wirtschaft, Forschung und Politik in Europa und Berlin heute die richtigen Entscheidungen getroffen haben?

Fabian Westerheide: Wir werden es daran erkennen, ob Deutschland und Europa bis dahin wirklich KI-first geworden sind. Also ob Wirtschaft, Bildung und Staat KI nicht nur nutzen, sondern strukturell darauf ausgerichtet haben.

Entscheidend wird sein, ob diese Systeme auf eigener oder zumindest europäisch kontrollierter Infrastruktur laufen. Ob europäische Firmen die relevante Software anbieten. Ob Daten in Europa bleiben. Und ob wir technologisch unabhängiger von den USA und China geworden sind.

Wenn wir 2036 sagen können, dass Europa nicht nur konsumiert, sondern selbst baut, betreibt und skaliert, dann haben wir heute die richtigen Entscheidungen getroffen. Wenn nicht, dann werden wir weiter von anderen abhängen.