Der Vertrieb komplexer Produkte ist oft mit hohen Reibungsverlusten verbunden: Verpasste Anrufe, fehlender Kontext und repetitive Aufgaben bremsen Prozesse und Kundenerlebnisse gleichermaßen. Genau hier setzt telli an. Das Berliner Startup entwickelt eine Plattform, die Künstliche Intelligenz mit Telefonie, Messaging und CRM-Integration verbindet, um Kundenansprache und Qualifizierung effizienter und persönlicher zu gestalten – ein Ansatz, der telli 2024 den Weg in den renommierten Y Combinator (YC) geebnet hat.
Philipp Baumanns, Geschäftsführer und Mitgründer von telli, spricht im Interview über die Entstehungsidee aus seiner Zeit bei Enpal, die besondere Rolle Berlins als Standort für globale Expansion und das internationale Momentum durch YC. Außerdem erklärt er, wie Unternehmen bereits heute von Funktionen wie Smart Calling oder Stateful Agents profitieren, welche Bedenken gegenüber KI im Vertrieb er begegnet – und welche Vision telli langfristig verfolgt.
Hallo Philipp, telli hat eine Telefonlösung entwickelt, bei der Künstliche Intelligenz automatisch Anrufe tätigt und potenzielle Kunden vorab einschätzt. Was hat euch dazu bewegt, genau diesen Weg zu gehen? Und wie glaubt ihr, wird KI künftig den Verkaufsprozess verändern?
Die Idee für telli entstand aus unserer Zeit beim Energie-Unicorn Enpal, wo wir die Wärmepumpen-Unit aufgebaut haben. Die größte Herausforderung war es, ein komplexes Produkt skalierbar zu verkaufen und zu installieren. Dafür mussten viele Informationen über Haus und Kunde erfasst und der Prozess gleichzeitig personalisiert gestaltet werden. Wir haben zahlreiche Schritte automatisiert – von Förderanträgen über Datenerfassung bis hin zu Angeboten.
Doch sobald Gespräche nötig wurden, traten massive Ineffizienzen auf: fehlender Kontext, verpasste Anrufe, doppelte Abstimmungen. Daraus entstand telli: Mit KI-Automatisierung entlang der gesamten Customer Journey ermöglichen wir, dass Kunden personalisiert angesprochen werden und Unternehmen Prozesse einfach skalieren können – in der optimalen Kombination aus Mensch und KI auf einer Plattform.
Mit eurer KI-gestützten Lösung für telefonische Kundenansprache und -qualifizierung habt ihr bereits große Unternehmen wie Viessmann und McMakler überzeugt. Dabei nutzt ihr verschiedene Kanäle wie Telefon, SMS und WhatsApp. Wie sorgt ihr dafür, dass die Gespräche für die Endnutzer verständlich, angenehm und authentisch klingen?
Auch wenn Kunden wissen, dass sie mit einem KI-System sprechen, haben wir gelernt: Am besten kommen Gespräche an, wenn der Agent menschlich, intelligent und freundlich klingt. Jeder kennt das Gefühl, wenn man in der Warteschleife von der Lufthansa mit einem Roboter spricht – angenehm ist das nie.
Mit telli haben wir eine Lösung entwickelt, die Telefonie, moderne Sprach- und Textmodelle sowie ein einfaches Interface verbindet. Darauf aufbauend entwickeln wir eigene Stimmen mit professionellen Voice Actors, die den telli-Agenten ihre Persönlichkeit verleihen. Je nach Anwendungsfall passen wir die Stimmenprofile an, um die bestmögliche Erfahrung zu schaffen – zum Beispiel verständnisvoll nach einem Schadenfall oder klar und kompetent im Verkaufsgespräch.
Wenn KI immer mehr Aufgaben in der Kundenkommunikation übernimmt, stellt sich oft die Frage nach dem Ersatz menschlicher Arbeitskraft. Wie geht ihr mit diesen Bedenken um?
Mit telli treten wir an, um Kundenprozesse zu vereinfachen, Unternehmen zu entlasten und Kundenerlebnisse persönlicher zu machen. Wir glauben, dass dies am besten gelingt, wenn Menschen und KI ihre jeweiligen Stärken kombinieren.
In vielen Projekten erleben wir, wie KI durch permanente Erreichbarkeit oder automatisierte Terminbuchung dafür sorgt, dass Menschen mehr Zeit für das Wesentliche haben: echte, kompetente Beratung. So verschiebt sich der Fokus: weg von repetitiver Fleißarbeit, hin zu Tätigkeiten, bei denen Empathie, Fachwissen und Kreativität zählen.
Nur ein bis zwei Prozent der Bewerber schaffen es in den Y Combinator (YC), einen der renommiertesten Startup-Acceleratoren im Silicon Valley. Ihr gehört seit Herbst 2024 dazu. Was habt ihr aus diesem Auswahlprozess und der bisherigen Zeit im Programm gelernt – und wie verändert YC euren Blick auf Wachstum und Internationalisierung?
YC legt extrem großen Wert auf Momentum. Umsatzwachstum und die Fähigkeit, sich schnell zu drehen und zu wenden, sind hier entscheidende Erfolgsfaktoren. Wir haben schon vor YC schnell erste Kunden mit unserem Produkt gewinnen können – und YC hat uns geholfen, diese Geschwindigkeit aufrechtzuerhalten.
Das Programm schafft vor allem durch klare Zielsetzung und kurze Iterationszyklen positiven Druck. Der Austausch mit anderen motivierten Gründern und erfolgreichen Alumni beschleunigt diesen Prozess enorm. Für uns hat sich dadurch ein Mindset entwickelt, dass unserem Wachstum eigentlich keine Grenzen gesetzt sind – eine Erfahrung, die bis heute unglaublich hilfreich ist.
Mit Y Combinator im Rücken richtet ihr euch nun stärker international aus. Warum ist gerade Berlin für euch der richtige Ort, um dieses Momentum aufzubauen und von hier aus global erfolgreich zu werden?
Wir sind sehr motiviert, eine globale Company aus Berlin zu bauen und sehen hier die richtigen Gegebenheiten – wie exzellentes Talent, unser eigenes Netzwerk und den Zugang zum gesamten europäischen Markt.
Berlin erlebt gerade eine Art AI-Comeback: immer mehr Startups bauen hier globale Produkte. Für uns ist es deshalb klar, dass unser Headquarter immer Berlin bleiben wird. Gleichzeitig kann es gut sein, dass wir uns go-to-market-seitig auch internationalisieren, indem Teile des Teams zeitweise in die USA gehen.
Berlin ist ein Zentrum für KI- und Tech-Innovationen. Wie hat die Berliner Tech-Szene eure Unternehmensstrategie beeinflusst?
telli wäre ohne Berlin vermutlich nie entstanden. Als Zentrum der deutschen Startup-Szene zieht die Stadt außergewöhnliche Talente und Ideen an. Unsere Gründer haben hier bei Firmen wie Enpal, Pitch und N26 gearbeitet und dort nicht nur Unternehmertum gelernt, sondern auch die ursprüngliche Idee für telli entwickelt.
Auch heute ist Berlin ein entscheidender Faktor: Neben der Vielfalt und Lebensqualität punktet die Stadt mit Zugang zu internationalen Talenten – einige Teammitglieder sind dafür extra hierhergezogen. Zudem hat uns das Berliner Startup Stipendium, gefördert von EU und Senat, den Start erleichtert.
Die Automatisierung von Vertriebsprozessen kann Unternehmen enorm helfen, ihre Effizienz zu steigern. Wie seht ihr die Zukunft von KI im Vertrieb?
Wir glauben, dass KI im Vertrieb in den kommenden Jahren eine noch viel zentralere Rolle spielen wird. Schon heute entlastet sie Teams enorm, aber künftig wird sie ganze Prozessschritte übernehmen und Abläufe erleichtern, die wir uns heute noch kaum vorstellen können.
Für telli heißt das: Wir erweitern unsere Plattform kontinuierlich – etwa mit neuen Kanälen wie E-Mail, WhatsApp oder SMS, die nahtlos mit KI-Telefonie verbunden werden. Auch menschliche Kollegen unserer Kunden werden schon bald über die telli-Plattform telefonieren können. Darüber hinaus entwickeln wir Tools, mit denen Unternehmen Kundenerlebnisse und Conversion Rates systematisch verbessern können.
Unser Ziel ist klar: KI wird den Vertrieb nicht ersetzen, sondern ihn intelligenter, effizienter und persönlicher machen – und den Menschen darin stärken.
Vielen Dank für das Gespräch.