Philip Meier, Gemeinsam digital © HIIG

27 April 2020

„Berliner KI-Ökosystem im europäischen Vergleich auf Augenhöhe mit London und Paris.“

Um das eigene Unternehmen fit für Künstliche Intelligenz zu machen, braucht es meist gar nicht viel: _Gemeinsam digital, das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum bietet ein umfassendes KI-Trainingsangebot an, in dem nicht nur brennende Fragen beantwortet werden, sondern unter anderem auch Anwendungen gemeinsam getestet werden. Philip Meier ist Doktorand am HIIG und unterstützt _Gemeinsam digital seit 2018 zusammen mit vier weiteren Experten als KI-Trainer. #ki_berlin hat mit ihm über die Arbeit von „KI-Kompetenz im Mittelstand“, die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz in Berlin und warum die Stadt auf dem gleichen Level wie andere europäische Großstädte ist, gesprochen.

Herr Meier, mit „KI-Kompetenz im Mittelstand“ machen Sie und Ihre Kollegen Unternehmen im Bereich Künstliche Intelligenz fit. Wie genau sieht Ihr Trainingsprogramm aus?

Wir haben zwei Angebotstypen, mit denen wir die teilnehmenden KMU unterstützen. Ziel des ersten Typs ist es, die unterschiedlichen Situationen, in denen die verschiedenen Unternehmen sich im Kontext dieser so genannten Künstlichen Intelligenz befinden, besser zu verstehen. Sprich, was die Unternehmensvertreter*innen unter dem Begriff verstehen, welche unmittelbaren Einsatzgebiete sie sehen, welche Aktivitäten im eigenen Unternehmen angestoßen wurden oder werden. Hierzu laden wir Unternehmensvertreter*innen zu unseren KI-Sprechstunden physisch oder digital für ein einstündiges Gespräch ans HIIG ein. Auf Basis dieser Gespräche erstellen wir den Unternehmen im Nachgang kurze, aber individuelle Auswertungen in Berichtsform, in denen z. B. Fördermöglichkeiten, Lernmaterialien oder weiterführende Qualifizierungsmaßnahmen dargestellt sind.
Eigene Qualifizierungsmaßnahmen sind der zweite Angebotstyp. Hier liegt unser Fokus klar auf der Wissensvermittlung. In enger Zusammenarbeit mit unseren KI-Trainerkollegen vom Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam haben wir ein breites Weiterbildungsangebot aufgebaut. Es hält sowohl für Unternehmensvertreter*innen, die sich einen ersten Überblick zum Thema verschaffen wollen als auch für bereits gut Informierte, die beispielsweise mit einem konkreten Projekt loslegen wollen, Formate bereit. Am HPI gibt es eine Workshop-basierte Einführungsreihe zur Vermittlung von Grundlagenwissen sowie ein 3-tägiges Intensivseminar, in dem die KI-Trainer und Unternehmensvertreter*innen auf Basis realer Unternehmensdaten Anwendungen für den Einsatz im Betrieb entwickeln. Am HIIG bieten wir neben der Sprechstunde weitere, vertiefende Workshopreihen zu einzelnen Schlüsselkomponenten im Kontext KI, wie beispielsweise automatische Bilderkennung, an. Zu unserer Sprechstunde laden wir generell jedes KMU ein, unabhängig der eigenen Einschätzung zum Thema KI, da der Schwerpunkt hier darauf liegt, das öffentliche Verständnis insbesondere zur gezielten Gestaltung zukünftiger Fördermaßnahmen und -programme zu erweitern.

Wie geht die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz in Unternehmen der Region Berlin-Brandenburg nach Ihren Erfahrungen von statten? Gibt es bei den verschiedenen Unternehmen ähnliche Startpunkte und Entwicklungen, die Sie beobachten konnten?

Wir haben hier natürlich keine repräsentative Population untersucht, erkennen aber durchaus einige Trends – insbesondere basierend auf den Sprechstunden. Drei Punkte hebe ich hier gerne hervor:
Es braucht Antrieb für das Thema aus der Geschäftsführung. Wir haben mit aufgeschlossenen und inspirierenden Geschäftsführer*innen gesprochen und gelernt, dass es diesen Personen oft nicht an Ideen und Visionen zum Einsatz unterschiedlicher KI-Anwendungen in ihren Unternehmen mangelt. Sie starten kleine Pilotprojekte, Initiativen zur Weiterbildung ihrer Mitarbeiter*innen und nehmen selbst aktiv an Fortbildungsformaten wie denen in unserem Kompetenzzentrum teil.
Eben diese Personen, und das ist der zweite Punkt, assoziieren KI häufig direkt mit Automatisierung, Effizienzgewinn und Kostenersparnis. Das kann ja auch niemand verübeln, da KMU natürlich sehr effizienzgetrieben funktionieren und nicht über die Innovationsbudgets großer Konzerne verfügen. Dennoch versuchen wir in unseren Formaten über den reinen Effizienzgewinn durch die Automatisierung von Prozessen hinaus dafür zu sensibilisieren, technologische Entwicklungen mit einem ganzheitlicheren Blick auf das eigene Geschäftsmodell zu betrachten und in diesem Zusammenhang beispielsweise auch Fragen der Nachhaltigkeit aufzuwerfen.
Der dritte Punkt und das am häufigsten genannte Hemmnis zur Entwicklung und auch zum Einsatz neuer KI-Anwendungen ist ein Mangel an Ressourcen. Die Zeit, welche die jeweiligen Geschäftsführer*innen selbst und ihre Mitarbeiter*innen investieren können, Geld zur Umsetzung von Projekten sowie der Zugang zu gut ausgebildetem Personal mit KI-Know-how spielen hier limitierende Rollen. Das mangelnde Angebot neuer Arbeitskraft mit KI-Know-how wurde besonders häufig als dringender Bedarf genannt und sollte aus meiner Sicht noch stärker im Fokus zukünftiger Fördermaßnahmen stehen.
Offensichtlich unterliegen diese Beobachtungen einem gewissen Bias, da sich tendenziell bereits eher aufgeschlossene Unternehmensvertreter*innen bei uns melden und es demnach nicht überraschend ist, dass bereits ein Interesse für KI besteht. Wir sprechen daher vermehrt eine möglichst diverse Gruppe an Unternehmen aktiv an, um unser Verständnis zu erweitern.

Wie gefragt ist Ihr Angebot unter Mittelstands-Unternehmen in Berlin?

Unsere Angebote sind prinzipiell durchweg gut nachgefragt. Das gilt sowohl für das allgemeine Angebot des Kompetenzzentrums, als auch insbesondere für die Angebote aus dem KI-Trainer-Programm. Für unsere Workshops und Seminare übersteigen die Anmeldungen in der Regel die Anzahl der vorhandenen Plätze. Wie es sich in Zeiten von COVID-19 entwickelt, bleibt abzuwarten. Wir arbeiten beispielsweise für die Vertiefungsworkshops bereits an einem rein digitalen Format, können aber noch keine Aussagen treffen, wie dieses angenommen wird. Die Anmeldezahlen der Sprechstunde sind in den vergangenen Wochen etwas zurückgegangen, nehmen seit dieser Woche aber wieder zu. Hier haben wir noch freie Kapazitäten und ich rufe an dieser Stelle gerne Leser*innen des Interviews zur Teilnahme auf. Die Anmeldung erfolgt über unsere Website.

Als KI-Trainer haben Sie einen guten Überblick über die Entwicklungen und die KI-Szene in Berlin. Wie empfinden Sie das hiesige KI-Ökosystem und den Mittelstand als einen Baustein davon?

Ich denke diese Frage beinhaltet zwei wichtige Aspekte, die ich gerne einzeln beantworte. Zunächst empfinde ich das Berliner KI-Ökosystem als sehr innovativ, stark wachsend und im europäischen Vergleich auf Augenhöhe mit London und Paris. Dies ist allerdings primär durch anziehungs- und innovationsstarke Startups wie Merantix oder Peregrine Technologies getrieben, sowie durch nationale und internationale Technologiekonzerne wie Google, Amazon, Volkswagen oder die Lufthansa, die hier Technologiehubs eröffnet haben. Auf den zweiten Aspekt der Frage, die Rolle des Mittelstands eingehend, möchte ich den Mittelstandsbegriff differenziert betrachten. Als „Deutscher Mittelstand“ werden oft zurecht die „Hidden Champions“, Unternehmen mit meist einigen tausend Mitarbeitern, industrieller Ausrichtung und mehreren (hundert) Millionen Euro Umsatz durch internationalen Handel bezeichnet. Bei diesen Unternehmen sehe ich punktuell starkes Engagement im Ökosystem durch Kollaboration mit Startups sowie eigenen Aktivitäten, analog zu den Aktivitäten der Konzerne.
Besonders spannend finde ich hier erste kollaborative Ansätze mehrerer Mittelständler, die gemeinsam KI-Initiativen für ihre Industrie oder ihren Sektor betreiben. Der „Maschinenraum“ von Viessmann ist hier als Beispiel zu nennen. Wir arbeiten im Rahmen des Kompetenzzentrums mit sogenannten kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), nach EU-Definition sind dies Unternehmen mit bis zu 250 Mitarbeitern und bis 50 Mio. Euro Jahresumsatz. Diese Gruppe beinhaltet beispielsweise den Friseursalon um die Ecke, den lokalen Bäcker mit vier Filialen oder auch diverse Marketing- und Filmagenturen. Diesen Unternehmen mangelt es wie in Frage 2 beschrieben häufig an den notwendigen Ressourcen, um eigene KI-Anwendungen zu entwickeln. Dennoch können KMU aus meiner Sicht in Zukunft als Nutzer und Partner wichtige Rollen im Ökosystem einnehmen. Es gibt in vielen dieser Betriebe noch Potenzial zur Digitalisierung von Prozessen, Produkten und Services und dies bietet meist einhergehende Chancen zur problemzentrierten Entwicklung und zum Einsatz neuer KI-Lösungen durch beispielsweise Startups.
Ein aus meiner Sicht spannender Fall ist das Berliner Startup Zeitgold, das mit einer KI-unterstützten Buchhaltungs-App KMU dabei hilft, ihre administrativen Prozesse zu optimieren. Die KMU sind unter anderem deswegen interessante Nutzergruppen, da diese Unternehmen häufig gewillt sind Experimente durchzuführen, Produkte und Services auszuprobieren und neue Systeme nach positiver wirtschaftlicher Bewertung unkompliziert zu implementieren.

Wie kamen Sie zum Kompetenzzentrum und zu Ihrer Arbeit als KI-Trainer?

Ich arbeite seit März 2018 als Doktorand am HIIG und seither ebenfalls im Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Berlin. Vor meiner Zeit am Institut hatte ich die Chance, zwei Jahre lang den Konzern-Digitalbereich bei Volkswagen in Wolfsburg mitaufzubauen. Darüber hinaus habe ich einige Monate in unterschiedlichen Technologiestartups und in der Beratung gearbeitet, jeweils in der Schnittstelle strategischer und technischer Aufgabenbereiche. Als wir uns im vergangenen Jahr als Vertreter des Kompetenzzentrums Berlin gemeinsam mit dem HPI für das KI-Trainer-Programm beworben haben, war ich von Beginn an involviert und natürlich sehr froh, als wir den Zuschlag erhielten und ich die Rolle als einer der KI-Trainer übernehmen durfte. Trotz, oder vielleicht gerade aufgrund meines nicht allzu geradlinigen Werdegangs, in dem ich theoretisches und fachliches Wissen in Technologie-, Management- und Designthemen gesammelt habe, fühle ich mich sehr gut vorbereitet, KMU als KI-Trainer zu unterstützen und zu begleiten.

Zu guter Letzt: Wie ist Ihre Prognose zum Einsatz von KI in der nahen Zukunft?

Die vielen motivierten, aufgeschlossenen, ehrgeizigen Unternehmer*innen, mit denen wir zusammenarbeiten, stimmen mich sehr positiv. Es ist wohl nicht damit zu rechnen, dass traditionelle KMU in großem Stil Lieferanten von KI-Anwendungen werden. Ich denke aber, dass die zunehmend einfacher werdende Anwendbarkeit neuer Anwendungen über den Hebel der Prozessoptimierung und Kostensenkung vermehrt in KMU Einsatz finden. Für KMU, die dann auch den nächsten Schritt gehen und sich damit auseinandersetzen, wie das eigene Geschäftsmodell durch neue Technologien weiterentwickelt werden kann, sehe ich gerade in Berlin beste Chancen über die Vernetzung mit Förderern, Startups, Hochschulen und miteinander, um die Zukunft des eigenen Unternehmens zu sichern.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch.