Die Rechtssysteme Europas gehören zu den fortschrittlichsten der Welt – stehen jedoch aufgrund steigender Fallzahlen, zunehmender Komplexität und begrenzter Ressourcen unter wachsendem Druck. Gleichzeitig wird die Frage, wie KI die juristische Arbeit unterstützen kann, immer dringlicher, insbesondere wenn es um Berufsgeheimnis, institutionelle Unabhängigkeit und demokratische Rechenschaftspflicht geht.
Vor diesem Hintergrund baut Noxtua eine Legal-AI-Plattform auf, die bewusst Souveränität in den Vordergrund stellt: domänenspezifische Modelle, kuratierte Rechtsdaten und eine Infrastruktur, die vollständig nach europäischem Recht betrieben wird. Dr. Leif-Nissen Lundbæk, CEO und CO-Founder, treibt diesen Ansatz von Berlin aus voran – einer Stadt, in der Rechtstradition, technologische Innovation und regulatorisches Fachwissen zusammenkommen.
In diesem Gespräch erklärt er, warum Legal AI anders aufgebaut sein muss als generische Tools, wie Partnerschaften mit führenden europäischen Rechtsverlagen rechtsgebietsspezifische Informationen ermöglichen und welche Rolle eine souveräne Infrastruktur beim Schutz des Berufsgeheimnisses und der Rechtsstaatlichkeit spielt. Er erörtert auch die spezifischen Anforderungen von Gerichten und Juristen, die Grenzen, die eine verantwortungsvolle Legal AI respektieren muss, und wie die europäische Zusammenarbeit über Grenzen hinweg die KI-Entwicklung für den Rechtsbereich stärkt.
Leif, eure Plattform wurde entwickelt, um die tägliche Arbeit von Juristen zu unterstützen und zu optimieren. Wie unterstützt Noxtua Juristen heute in der Praxis und welche Grundprinzipien liegen dem KI-System zugrunde, auf dem es basiert?
Noxtua ist als Legal AI Workspace konzipiert. In der Praxis bedeutet das, dass es Juristen während des gesamten Arbeitsablaufs unterstützt, von der Recherche über die Analyse bis hin zur Erstellung und Bearbeitung von Rechtsdokumenten. Juristen nutzen Noxtua, um relevante Vorschriften schneller zu finden, komplexe Sachverhalte zu strukturieren, große Dokumentensätze zu analysieren und rechtskonforme Entwürfe zu erstellen – alles mit klaren Verweisen auf maßgebliche Quellen.
Das Grundprinzip hinter dem System ist einfach: Legal AI muss dem Recht dienen. Das bedeutet, dass wir Juristen nicht ersetzen, sondern sie effizienter machen. Dies erfordert eine domänenspezifische Modellarchitektur, die auf kuratierten Rechtsdaten trainiert ist, vollständige Transparenz der Quellen und eine Infrastruktur, die Vertraulichkeit und Berufsgeheimnis garantiert. Wir vermeiden bewusst generische, im Internet trainierte Modelle und entwickeln stattdessen eine KI, die Rechtssprache und juristische Argumentation versteht.
Wir entwickeln den Legal AI Workspace in enger Zusammenarbeit mit führenden europäischen Rechtsverlagen auf dem gesamten Kontinent, wobei jede Version speziell auf die jeweiligen Länder und Rechtsordnungen zugeschnitten ist. In Deutschland arbeiten wir für Beck-Noxtua eng mit C.H.BECK, Deutschlands größtem Rechtsverlag, zusammen.
Noxtua ist eindeutig als Legal AI für den professionellen Einsatz positioniert. An welche Nutzergruppen richtet ihr euch derzeit hauptsächlich und wie unterscheiden sich deren Bedürfnisse und Anwendungsfälle?
Unsere Hauptnutzergruppen sind derzeit Anwaltskanzleien, Rechtsabteilungen von Unternehmen, Behörden und die Justiz in Europa. Ihre Anwendungsfälle unterscheiden sich zwar, aber ihre gemeinsamen Kernanforderungen sind Genauigkeit, Vertrauen, Vertraulichkeit und Rechtskonformität.
Insbesondere für die Justiz sind diese Anforderungen nicht optional, sondern verfassungsrechtlich vorgeschrieben. Gerichte sind eine der sensibelsten Institutionen eines demokratischen Staates. Jedes KI-System, das in diesem Zusammenhang eingesetzt wird, muss daher nach europäischem Recht vollständig kontrollierbar, in seiner Argumentation transparent und auf einer souveränen europäischen Infrastruktur betrieben werden.
Aus diesem Grund ist souveräne Legal AI für das Justizsystem so wichtig. Gerichte stehen aufgrund steigender Fallzahlen und struktureller Personalknappheit unter zunehmendem Druck. Eine richtig konzipierte Legal AI kann sie durch die Strukturierung von Informationen, die Übernahme von Routineaufgaben und die Steigerung der Effizienz enorm unterstützen, während die Juristen die volle Kontrolle behalten.
Ein zentrales Versprechen von Noxtua ist eine schnellere und präzisere Rechtsrecherche auf der Grundlage zuverlässiger Quellen. Wie stellt ihr die Qualität und Relevanz Ihrer juristischen Inhalte sicher, und wie transparent sind die KI-generierten Ergebnisse für die Nutzer in der Praxis?
Legal AI ist nur so gut wie die Daten, auf denen sie basiert. Aus diesem Grund haben wir Noxtua auf kuratierten, rechtsgebietsspezifischen juristischen Inhalten von führenden europäischen Verlagen wie C.H.BECK in Deutschland, MANZ in Österreich und anderen vertrauenswürdigen Partnern in ganz Europa aufgebaut. Jede Länderversion basiert auf dem lokalen Rechtssystem und kuratierten Rechtsdaten, sodass Noxtua die professionellen Standards jedes Rechtsgebiets widerspiegeln kann.
Ebenso wichtig ist, dass Noxtua gemeinsam mit Juristen entwickelt wurde. Der Legal AI Workspace orientiert sich an realen Arbeitsabläufen und nicht an abstrakten technischen Annahmen. Er funktioniert so, wie Juristen denken und arbeiten.
Und vor allem können Nutzer überprüfen, auf welchen Kommentaren, Gesetzen oder Gerichtsentscheidungen eine Antwort basiert. Ohne diese Möglichkeit hat Legal AI in der seriösen Rechtspraxis keinen Platz.
Die juristische Arbeit umfasst hochsensible und vertrauliche Informationen. Wie geht Noxtua mit Datenschutz, Berufsgeheimnis und Sicherheit im täglichen Gebrauch um, und welche Rolle spielt die europäische Infrastruktur in diesem Zusammenhang?
Wir haben Noxtua auf einer souveränen europäischen Infrastruktur aufgebaut. Wir sind nicht auf US-amerikanische Hyperscaler angewiesen, und Nutzerdaten werden weder dauerhaft gespeichert noch für das Modelltraining verwendet. In Deutschland läuft Beck-Noxtua auf einer hochsicheren europäischen Cloud-Infrastruktur, die von IONOS und der Open Telekom Cloud (OTC) bereitgestellt wird. Gemeinsam mit IONOS haben wir sogar Deutschlands erste souveräne Legal AI Factory in München ins Leben gerufen. Die gesamte Datenverarbeitung erfolgt auf zertifizierten europäischen Servern, ohne Verbindung zu außereuropäischen Cloud-Anbietern.
Aus technischer Sicht kombinieren wir End-to-End-Verschlüsselung mit vertraulichem Computing in vertrauenswürdigen Ausführungsumgebungen. Organisatorisch sind unsere Sicherheit und Governance in international anerkannten Standards verankert, darunter ISO 27001, BSI C5, TISAX und ISO 42001 für verantwortungsvolle KI-Governance.
Die europäische Infrastruktur ist wichtig, da das Berufsgeheimnis nur dann besteht, wenn es durchsetzbar ist. Wenn ausländische Gerichtsbarkeiten auf Daten zugreifen können, wird die Vertraulichkeit zu einem leeren Versprechen. Aus diesem Grund erfüllt Beck-Noxtua vollständig die strengen Anforderungen des Berufsgeheimnisses nach deutschem Recht (z. B. § 203 StGB, § 43e Bundesrechtsanwaltsordnung), und andere Noxtua-Länderversionen entsprechen vergleichbaren Standards in ganz Europa.
Noxtua wurde in Berlin gegründet und ist heute an mehreren Standorten in Europa tätig. Wie kam es zu dieser Entwicklung und welche Rolle spielt der europäische Kontext bei der Gestaltung der Vision und Positionierung von Noxtua?
Die ursprüngliche Idee entstand in Oxford und London – wir haben das Unternehmen 2017 in Berlin gegründet und seitdem Niederlassungen in Paris, Zagreb und München eröffnet. Das ist Europa in Kurzform! Noxtua ist ein echtes europäisches KI-Projekt, das darauf abzielt, die Souveränität Europas zu fördern – insbesondere in Zeiten zunehmender geopolitischer Unsicherheit. Gerade der Rechtsbereich muss seine Unabhängigkeit und Souveränität gewährleisten, da die Rechtsstaatlichkeit eine wichtige Säule unserer europäischen Demokratien ist.
Mit der Einführung von Beck-Noxtua seid ihr eine enge Partnerschaft mit Deutschlands führendem juristischen Verlag C.H. Beck eingegangen. Wie verändert diese Zusammenarbeit den Zugang zu juristischem Wissen und dessen Nutzung in KI-Systemen, und was habt ihr aus der Kombination eines traditionellen juristischen Verlags mit einem KI-Startup gelernt?
Die Partnerschaft mit C.H.BECK ist für Noxtua von grundlegender Bedeutung. C.H.BECK ist nicht nur ein Content-Anbieter, sondern auch unser Hauptinvestor und strategischer Partner. Was diese Partnerschaft so transformativ macht, ist, dass wir KI direkt in einen inhaltsbasierten KI-Arbeitsbereich einbetten. Beck-Noxtua basiert auf Daten von beck-online – mehr als 60 Millionen kuratierte Rechtsdokumente, die alle Bereiche des deutschen Rechts abdecken, mit einem starken Fokus auf Kommentarliteratur, die für die juristische Argumentation unerlässlich ist. Kein anderer KI-Anbieter hat Zugang zu diesen Inhalten, weder jetzt noch in Zukunft. Dies verändert die Arbeitsweise von Noxtua: Es lernt juristische Argumentation aus maßgeblichen Quellen und verweist transparent auf diese.
Was wir aus dieser Zusammenarbeit gelernt haben, ist, dass Tradition und Innovation keine Gegensätze sind. Sie verstärken sich gegenseitig, wenn beide Seiten die gleichen Standards für Qualität und Verantwortung teilen. Das ist die Grundlage, auf der Beck-Noxtua aufgebaut ist.
Da Legal-AI-Tools immer häufiger zum Einsatz kommen, was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Voraussetzungen für ihren verantwortungsvollen Einsatz in der Rechtspraxis, und wo müssen Plattformen wie Noxtua klare Grenzen ziehen?
Es gibt zwei wesentliche Voraussetzungen: menschliche Verantwortlichkeit und souveräne Kontrolle. Juristen müssen weiterhin für rechtliche Entscheidungen verantwortlich sein. Und die KI selbst muss vollständig nach europäischem Recht betrieben und kontrolliert werden.
Das erfordert klare Grenzen. Legal AI darf sich nicht auf generische Modelle, ausländische Infrastruktur oder unkontrollierte Datenflüsse stützen. Und sie darf niemals das Berufsgeheimnis oder die institutionelle Unabhängigkeit schwächen. Ein KI-System kann nur dann als souverän bezeichnet werden, wenn Modelle, Daten und Infrastruktur unter europäischer Kontrolle bleiben. Ist dies nicht der Fall, wird Legal AI eher zu einem strukturellen Risiko als zu einem Instrument der Rechtsstaatlichkeit.
Vielen Dank für das Gespräch.
Hinweis: Dieses Interview wurde ursprünglich auf Englisch geführt und im Nachgang auf Deutsch übersetzt.



















































































































