Dr. Martin Mittermeier © Victor Strasse

19 August 2020

„Berlin bietet wie keine zweite deutsche Stadt einen riesigen Pool an Talenten aus dem Bereich Technologie und Data Science.“

Wattx, der Company-Builder des mittelständischen Traditionsunternehmens Viessmann ist eines der deutschen Aushängeschilder, wenn es um die digitale Transformation bestehender Erfolgsmodelle geht. Dabei fokussiert sich das multidisziplinäre Team des Berliner Unternehmens auf Kernthemen wie KI, Industrie 4.0-Lösungen und Construction Tech und hat seit 2016 bereits etliche innovative Startups angeschoben. #ki_berlin hat mit wattx-Geschäftsführer Dr. Martin Mittermeier über die Arbeit eines Company Builders, die steigende Bedeutung von Deep-Tech-Technologien für KMUs und die nationale Strahlkraft des KI-Standorts Berlin gesprochen.

 

Hallo Herr Mittermeier. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen. Starten wir direkt: Wie ist wattX entstanden und worauf haben Sie sich spezialisiert?

wattx ist Teil der Viessmann-Gruppe. Wir sind als Innovations- und Transformationsvehikel gestartet und haben etliche Strategiekorrekturen hinter uns.

Heute arbeiten wir mit der Viessmann-Gruppe und anderen Mittelständlern und bauen für diese digitale Produkte und Geschäftsmodelle auf. Unsere Arbeit wird dabei nicht nur von Konzernen finanziert, sondern auch von Finanzinvestoren, so haben Venture Capital Fonds in unsere Ventures Statice und Hasty investiert.

Wie läuft die Gründung eines neuen Startups bei einem Company Builder ab und wie und aus welchem Bereich wählen Sie die Projekte aus, die sie anschieben?

Wir gehen immer in Phasen vor, d.h. wir haben einen sogenannten Stage Gate-Prozess, den wir recht genau abarbeiten. Daraus ergeben sich einige Fragen, die in jeder Stage beantwortet werden müssen und die sich typischerweise an einem Venture Capital-Investment orientieren: Gibt es einen hinreichend großen Markt, löst das Produkt ein wirkliches Problem und gibt es entsprechende Zahlungsbereitschaft bei den Kunden?

Wenn wir mit Mittelständlern zusammenarbeiten kommt noch die Frage hinzu, welche Vorteile der Kernorganisation auch für das neue Venture/Produkt genutzt werden können. Unser Expertise liegt im Bereich KI, Industrie-Lösungen sowie Construction Tech.

Sie haben bereits einige spannende Projekte in Ihrem Portfolio, bei dem Sie zukunftsweisende Technologien im industriellen Sektor – mit besonderem Fokus auf die Bauindustrie – etablieren wollen. Können Sie uns einige der Startups vorstellen, die bei wattx ausgegründet wurden?

Wir haben schon etliche Startups aus der Taufe gehoben, beispielhaft SNUK, eine IoT-Plattform für Gebäudemanagement, die sich zunehmend auf dem Bereich der Krankenhäuser fokussiert hat und im letzten Jahr verkauft wurde. Statice, das sich mit synthetischen KI-generierten Daten beschäftigt, die dieselben statistischen Eigenschaften aufweisen wie ein synthetisierter echter Datensatz, aber keine Rückschlüsse auf die persönlichen Daten zulässt. Hasty ist ein Tool, um Bilder für die Verwendung im Machine Vision-Bereich zu annotieren und diesen Prozess drastisch zu vereinfachen und zu verkürzen. Deevio liefert schließlich eine Applikation, die wiederum Machine Vision verwendet, um Qualitätskontrolle in der industriellen Fertigung zu automatisieren.

Besonders Deep-Tech-Disziplinen wie KI, Maschinelles Lernen oder Natural Language Processing sind weltweit sehr gefragte Technologien. In welchen Ihrer Ventures kommen diese zum Tragen und wie? 

Die drei letztgenannten Ventures bedienen sich einer dieser Technologien, in allen Fällen kommen jedoch Ansätze des maschinellen Lernens zur Anwendung. Je nach Venture generieren diese Algorithmen entweder synthetische Daten, lernen Objekte auf Bildern zu erkennen oder helfen, Fehler in der Produktion von beispielsweise Gießereien zu entdecken.

Viessmann ist ein hessisches Traditionsunternehmen mit einem weiteren Standort in Berlin. Was war besonders ausschlaggebend dafür, sich mit WattX hier niederzulassen? Welche Vorteile bringt der Standort mit sich?

Berlin bietet wie keine zweite deutsche Stadt einen riesigen Pool an Talenten, vor allem aus dem Bereich Technologie und auch Data Science. Die notwendigen Mitarbeiter, die sich mit Deep-Tech-Themen zu beschäftigen, sind außerhalb Berlins deutlich schwerer zu finden. Insofern war das Angebot von Arbeitskräften sicherlich ein Hauptfaktor für die Standortwahl.

Daneben passiert in Berlin sehr viel, d.h. es werden viele neue Unternehmen gegründet, es siedeln sich mehr und mehr Venture Capital Fonds an und generell zieht Berlin sehr viele internationale Talente an. Daher ist man hier wirklich am Puls der Zeit und kann ein entsprechendes Netzwerk aufbauen, wenn man neue Ideen testen und generell unternehmerisch tätig werden will.

In den letzten Jahren ist die KI-Szene in Berlin immer weiter gewachsen. Wie empfinden Sie den Status quo bezüglich neuer Technologien und Innovationen?

Ich habe das Gefühl, dass in dieser Hinsicht in Berlin viel passiert. Das zeigt sich an Firmen wie Rasa und Hasty, die internationale Top-Investoren anziehen und wirkliche Infrastruktur-Technologie bauen, d.h. Technologie, die von fast allen Unternehmen, die in dem Bereich tätig werden, genutzt werden kann. Dies scheint mir in Deutschland auch einzigartig. Während in bestimmten Bereichen in München und dem Ruhrgebiet und an anderen Standorten auch tolle Unternehmen entstehen, ist die deutsche KI-Szene sehr auf Berlin fokussiert.

Laut einer Studie des BMWi in 2018 zögern viele Unternehmen noch damit, Zukunftstechnologien wie KI in ihren Firmen einzusetzen – nur rund 5% setzen auf diese. Welchen Eindruck haben Sie und wie kann ein Umdenken stattfinden?

Nach meinem Eindruck aus der Arbeit mit Mittelständlern sind die Unternehmen noch in einer Lernphase, d.h. die handelnden Personen müssen erst einmal genau verstehen, was genau mit KI gemeint ist und welche Applikationen damit möglich sind.

Zu einem gewissen Umfang beginnt langsam eine erste Adaptionsphase, z.B. im Bereich der „Robotic Process Automation“. In dieser Phase beginnen die Unternehmen, die neue Technologie, die von Drittanbietern gestellt wird, im Unternehmen zu nutzen. Dass tatsächlich eigene Produkte mit KI-Komponenten bestückt werden, scheint mir noch zu dauern. Ich hoffe, dass es dort einige gibt, die den Schritt wagen und die Technologie einsetzen um bessere Produkte zu entwickeln.

Wie sehen Sie den Standort Berlin im Vergleich zu anderen KI-Hotspots weltweit? Lässt sich von hier aus auch international gut agieren?

Die internationalen Investoren, die die Stadt anzieht, lassen mich hoffen, dass Berlin hier stark ist und von unseren Ventures weiß ich, dass sie auch international Kunden akquirieren können. Insofern denke ich, dass Berlin auf einem guten Weg ist.